TFG 2015-1: Erinnerung: Flüchtlingsgeschichten, verbotenes Radfahren und Anne Frank

Diese „Fahrradgeschichte“ ist etwas nachdenklicher gehalten. Bei der Arbeit in einem Fahrradladen wird man manchmal unwillkürlich auch mit Geschichte konfrontiert. In meinem Fahrradladen freue ich mich immer, wenn ich KundInnen aus den Niederlanden habe (Diese wiederum wundern sich, in Süddeutschland einem niederländisch sprechenden Fahrradmechaniker zu begegnen). So kam im vergangenen Oktober eine niederländische Studentin aus dem Wohnheim nebenan vorbei. Sie hatte ein praktisches Gazelle-Stadtrad. Auf dem Kettenschutz stand „Herinneringscentrum Kamp Westerbork“. Nun muss ich zugeben, dass ich mich zwar mit den Schandtaten der deutschen Besatzer in den Niederlanden ein bisschen beschäftigt hatte, aber die Namen von Orten aus der Infrastruktur des Wahnsinns waren mir nicht geläufig. Da ich etwas Zeit hatte recherchierte ich im Internet. Kamp Westerbork in der niederländischen Provinz Drenthe wurde vor allem als Durchgangslager für die Deportation niederländischer Juden und sich in den Niederlanden aufhaltender deutscher Juden bekannt (siehe bei Wikipedia: „Durchgangslager Westerbork“). Heute ist dort ein Erinnerungszentrum eingerichtet. Dort kann man auch Fahrräder leihen und das Gelände mit Umgebung erkunden. Die Studentin hatte das Rad gebraucht gekauft. Ich nehme an, dass es eine Zeit lang in Kamp Westerbork im Einsatz war und dann routinemäßig durch ein neues Fahrrad ersetzt wurde und so auf den großen niederländischen Gebrauchtfahrradmarkt kam.

Das Durchgangslager Westerbork hatte eine Vorgeschichte als Flüchtlingslager, so ist es auf der Webseite des Erinnerungszentrums zu lesen. Nach der Machtergreifung Hitlers flohen viele Juden ins Ausland. Bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs wurden in den Niederlanden lediglich 10.000 Flüchtlinge aus Deutschland zugelassen. Andere kamen illegal ins Land. Die Regierung wollte eigentlich kein Geld für die Flüchtlinge ausgeben. Alle Unterstützungs-Initiativen kamen von privater Seite. Die Flüchtlinge wurden von einem Lager ins andere verschoben. Ständig mussten die Koffer bereitstehen. Die Obrigkeit sah aber langsam ein, dass es so nicht weitegehen konnte. Der große Zustrom jüdischer deutscher Flüchtlinge und die mangelhafte Versorgung der Flüchtlinge in den Niederlanden brachte die niederländische Regierung dazu, ein zentrales Flüchtlingslager einrichten zu wollen. Eine Lösung schien in Sicht, als geplant wurde, ein Flüchtlingslager in Veluwe (dem größten zusammenhängenden Waldgebiet der Niederlande in der Provinz Gelderland) in der Gegend von Elspeet einzurichten. Doch Anwohner protestierten gegen das geplante Lager. Letztlich ausschlaggebend war aber der Protest von Königin Wilhelmina. Ihr Sekretär ließ Innenminister Van Boeyen wissen, dass ein geplantes Flüchtlingslager in der nächsten Umgebung des königlichen Palastes t´Loo nicht mit „königlicher Zustimmung“ rechnen könne. So richtete die Regierung den Blick nach Drenthe, wo bei Westerbork ein größeres Stück nicht erschlossenen Landes lag: einsam, wild und öde: „ideal für ein Flüchtlingslager“. So wurde Kamp Westerbork ab August 1939 als Flüchtlingslager gebaut und am 9. Oktober kamen die ersten Flüchtlinge im zentralen Flüchtlingslager an. Radfahren verboten Am 10. Mai 1940 begann der Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande, die darauf überhaupt nicht vorbereitet waren. Am 14. Mai ließ Hitler Rotterdam bombardieren und drohte Utrecht mit dem gleichen Schicksal, woraufhin Oberbefehlshaber General Winkelmann am frühen Morgen des 15. Mai 1940 beschloss, zu kapitulieren. Für den Fall eines deutschen Angriffs hatten die jüdischen Flüchtlinge geplant, nach England auszureisen. Ein Evakuierungsplan wurde aufgestellt, aber im Chaos konnte dieser nicht durchgezogen werden und die Flüchtlinge wurden bei Zwolle aufgehalten, weil eine Brücke gesprengt war. Manche kamen bei Verwandten unter, andere wurden auf Geheiß der Regierung wieder in Kamp Westerbork untergebracht. Im Justizministerium wurde beschlossen, alle bei der Flucht gescheiterten Juden dorthin zurück zu bringen. Nach deren Rückkehr war es mit der Freiheit vorbei. Grenzschilder wurden an den Grenzen des Landstücks aufgestellt. Der neue Kommandant J. Schol nahm die Überwachung des Lagers sehr ernst. Morgens und mittags wurde zum Appell gerufen, die Briefzensur wurde verschärft und Radfahren wurde verboten. Immerhin bestand auf der anderen Seite für die Flüchtlings-Kinder noch Schulpflicht. „Stadt in der Heide“ Als aber die Nazis Anfang 1942 die systematische Vernichtung der Juden beschlossen, hatte dies auch Folgen für das Lager Westerbork. Es wurde um eine große Zahl kleinerer Baracken erweitert. Am 1. Juli 1942 wurde das Lager in „Polizeiliches Durchgangslager“ umbenannt. Die deutsche Sicherheitspolizei übernahm die Lagerleitung. Lagerleiter Gemmeker benahm sich als absoluter Herrscher und sorgte für ein reibungsloses Funktionieren des Durchgangslagers. Die interne Bewachung war Sache der jüdischen Gefangenen. Das Leben im Lager sollte normal erscheinen. Es wurde sogar „Stadt in der Heide“ genannt. Normalität wurde im wahrsten Sinne vorgegaukelt: In Westerbork entstand zu dieser Zeit – ohne Übertreibung – vom Niveau des Programms und der Auftretenden her, das beste Kabarett der Niederlande. Sportwettkämpfe, Theateraufführungen und Konzerte wurden organisiert. Alles im Lager wurde darauf ausgerichtet, bei den Flüchtlingen den Eindruck zu erwecken, sie würden bald in Arbeitslager nach Osteuropa geschickt werden. „Das Leben dort sollte hart und eintönig werden, aber immerhin ein Leben sein“. Familien sollten zusammenbleiben, so die Informationen. Manche Flüchtlinge ahnten jedoch, was ihnen bevorstand, aber dass ihnen das Schlimmste bevorstand, glaubten die wenigsten. Anne Frank und heutige Flüchtlinge Der Ausgang ist bekannt. 93 Züge fuhren von Kamp Westerbork in Richtung der osteuropäischen Vernichtungslager. Nachdem Anne Frank und ihre sieben mit in der Amsterdamer Prinsengracht versteckten Leidensgenossen verraten worden waren, wurden sie am 8. August 1944 in einem Personenzug nach Kamp Westerbork gebracht. Da sie sich nicht freiwillig gemeldet hatten, wurden sie in „Strafbaracken“ untergebracht. Von dort wurden sie dann nach Osteuropa deportiert. Im März 1945 starben erst Anne Franks Schwester Margot und ein paar Tage später Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo verschiedenste Krankheiten und Epidemien ausgebrochen waren – einen Monat vor Befreiung des Lagers durch britische Truppen. Im Februar reiste ich dieses Jahr routinemäßig in die Niederlande, um das neue Fahrradprogramm meines Hauptlieferanten zu besichtigen und auch um Fotos für meine Webseite zu machen. Am 15. Februar besuchte ich mit meiner Tochter das empfehlenswerte Amsterdamer Tropenmuseum. Hier wurde ich unwillkürlich mit der Flüchtlings-Gegenwart konfrontiert. Hinter einer Glasscheibe ist dort eine Modell-Wüstenstadt aufgebaut. Wenn das Modell verdunkelt ist, kann man auf Knöpfe drücken, die für verschiedene Teile der Stadt stehen, wie den Basar oder das Neubauviertel, die dann jeweils beleuchtet werden. In kleiner Schrift stand am Rand des Modells „Aleppo“… Dort ist buchstäblich das Licht ausgegangen. Am Folgetag, dem 16. Februar in Amsterdam reisten wir mit Zwischenstation beim Fahrradhersteller Azor in Hoogeveen zurück nach Deutschland. Zufälligerweise wäre dies der 89. Geburtstag von Anne Franks älter Schwester Margot Betti gewesen. Am Anne Frank Haus in der Prinsengracht war an diesem Tag schon wieder ab dem frühen Morgen eine lange Warteschlange. Mit über 1,2 Millionen Besucherinnen und Besuchern verzeichnete das Museum im Jahr 2014 einen neuen Besucherrekord. Ein kleiner Tipp für Amsterdam-Reisende: Wer es besuchen möchte, muss sich auf lange Wartezeiten einstellen, oder den Besuch am Abend ab etwa 18 Uhr einplanen. Dann wird es meist etwas ruhiger.

Bild: Prinsengracht in Amsterdam. Im Hintergrund der Turm der Westerkerk neben dem Anne-Frank-Haus.

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TFG 7/12: Von gestressten Päckchen-Fahrern, der Mehrwertrate, von Märchenbüchern, monetären Stimmzetteln und solidarischer Ökonomie

In der Juli-TFG wird zur Abwechslung ein Ausflug in die Mathematik gemacht…
In den Fahrradläden, in denen ich früher gearbeitet hatte, hielt ich manches Mal ein kleines „Schwätzchen“ mit den Fahrern die die neuen Fahrräder anlieferten. Mancher holte sich eine kleine Fahrradberatung und war ganz interessiert.
Neulich kam eine Lieferung mit zwei Fahrrädern. Der Fahrer war ziemlich am Rotieren. Er hatte die beiden Räder schon abgeladen und erschien im Laden, um die Unterschrift abzuholen. Ich schaute, ob die Kartons unbeschädigt waren und unterschrieb. Da es der gleiche Fahrer war, wie letztes Mal und er wieder ziemlich hektisch war, fragte ich ihn, ob er heute schon wieder so viel zu tun habe. „Vierundachtzig Stationen und 120 Pakete“, war die gehetzte Antwort (und weg war er).
Das würde bedeuten, bei einem normalen 8-Stunden-Tag: etwa 10 anzufahrende Kunden in der Stunde, 6 Minuten für die Fahrt (und die Staus) zwischen den Kunden, das Abladen und die Formalitäten. Die Realität sieht hier keinen Normalarbeitstag vor.
Michael Hanfeld schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 31.Mai über die neue Under-Cover-Aktion des Aufdeckungs-Journalisten Günter Wallraff . Dieser hatte jüngst als Paketzusteller gearbeitet für 3.14 Euro Stundenlohn, 12 bis 14 Stunden am Tag. Im Monat: 1300-1400 Euro brutto.
„Der Tag beginnt morgens um fünf und endet nicht vor sieben, acht Uhr abends. Dazwischen wird tonnenweise ein- und ausgeladen, ein- und ausgeladen, nicht für die kleinste Pause bleibt Zeit, das Fahrtenbuch – von den Fahrern `Märchenbuch´ genannt – wird geschönt, und zwischendurch kommen neue Befehle aus der Zentrale. Dabei braucht es „gar keinen Antreiber“, erkennt Wallraff, `es ist das System´“ (ebd.).
Was das wohl mit Ihbay, Amazonen usw. zu tun hat😉
Die (Eigen-)Logik dieses ökonomischen Systems wurde schon vor 150 Jahren treffend analysiert: Nicht das Erschaffen von nützlichen Dingen („Gebrauchswerten“) ist das höchste Ziel in der Eigenlogik solch eines Systems, sondern möglichst viel Profit zu machen.
Hier bietet sich ein kleiner Ausflug in die Mathematik an und die Darstellung einer einfachen Rechnung (vgl. dazu: Res Strehle 1991: Kapital und Krise. Berlin).

Ökonomische Werte entstehen durch Arbeit. Der durch „Arbeitskräfte“ neugeschaffene Wert beinhaltet die eigenen Kosten für die Ware Arbeitskraft, d.h. den Arbeitslohn (hier im Beispiel „variables Kapital“ v genannt ) und den Mehrwert „m“.
Der durch Arbeitskräfte (z.B. Fahrerinnen und Fahrer bei Speditionen) neugeschaffene Wert ist nun für diejenigen interessant, die Profit machen (d.h. den durch die Arbeitskräfte erschaffenen Mehrwert abschöpfen, bzw. sich aneignen) wollen.
Das Verhältnis zwischen dem Preis für die Ware Arbeitskraft, d.h. dem Lohn, bzw. den Lohnkosten (v) und dem Mehrwert (m) kann als Mehrwertrate bezeichnet werden m/v (Mehrwert geteilt durch den Lohn).
Die Mehrwertrate lässt sich – wie leicht ersichtlich ist – ganz einfach durch eine Erhöhung des Mehrwertes m im Verhältnis zu den Lohnkosten v erhöhen.
Das kann durch verschiedenste Maßnahmen (relativ oder absolut) stattfinden: z.B. dadurch, dass die Arbeitskräfte bei gleichem Lohn länger arbeiten müssen (wie im öffentlichen Dienst), oder dadurch, dass in gleichen Zeiteinheiten mehr Mehrwert erzielt wird (z.B. durch Zustellung von mehr Paketen pro Zeiteinheit), oder durch geringeren Lohn, wie z.B. bei den ehemaligen Leiharbeiterinnen der Schlecker-eigenen Leihfirma, die wiederum in Schleckermärkten zu geringeren Löhnen als die Festangestellten arbeiteten (in Deutschland sind übrigens die Reallöhne in den vergangenen 10 Jahren gesunken), oder aufs Ganze gesehen durch Privatisierung der Sozialversicherungen oder Entlassungen (wie bei vielen Großbetrieben) und die Verteilung der gleichen Arbeit auf die verbliebenen „Arbeitskräfte“.
Dafür werden dann aus Fahrtenbüchern Märchenbücher… (Für die, die es noch nicht gemerkt haben: Die o.g. Analyse stammt von Karl Marx ).

Jetzt ist aber „Ende mit der Märchenstunde“. So lautete auch der Titel eines in TFG 6/12 erwähnten Buches der Journalistin Kathrin Hartmann (2009, Karl Blessing Verlag) mit dem Untertitel „Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“. Hartmann ist nicht zimperlich:
Lifestyle-Ökos seien „die Traumzielgruppe“ aller Hersteller. „Sie haben Geld, und sie geben es mit Freuden aus. Wurden früher Autos mit Freiheit und Duschgel mit Sex verkauft, heißt das neue emotionale Attribut der Warenwelt jetzt »gutes Gewissen«, das den Konsumenten als aufgeklärt und engagiert erscheinen lässt“ (ebd., S. 19).
Hartmanns Vorwurf an die „Lohas“ ist letztlich, dass es ihnen in erster Linie um sich geht und nicht um irgendwelche größeren Zusammenhänge (LOHAS: Abkürzung von „Lifestyle of Health and Sustainability“, ein nachhaltiger und gesunder Lebensstil).
„Mein T-Shirt stammt nicht aus Kinderarbeit“. Damit ist die Sache erledigt. Ich habe ja auf dem Markt meinen Beitrag geleistet. Die Verbesserung von Missständen wird dem Markt überlassen.
Der ist ja sowieso überlegen…
Auf diesem Grundgedanken basierend ist es in einer extrem marktfreundlichen Sichtweise auch nicht hilfreich, wenn die Menschen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen, mitbestimmen dürfen.
Denn der Markt ist ja per se demokratisch und der „Geldschein ist der Stimmzettel“, wie ein für seine Kritik am Euro bekannter – inzwischen emeritierter – Tübinger Ökonom  in seiner Einführungsvorlesung zur Volkswirtschaftslehre sagte.

P.S.:

Da so manche Menschen nur in Schwarz-weiß-Kategorien denken können und in Folge die marx´sche Analyse der kapitalistischen Produktionsweise fälschlicherweise automatisch untrennbar mit der Praxis des  gescheiterten Realsozialismus und Demokratiefeindlichkeit zusammendenken, sei hier am Ende ein unverdächtiges Zitat erwähnt. Es stammt von Peter Dobias und findet sich in einem von dem (wirtschaftsliberalen) ehemaligen Chefökonomen der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Geschichte der Nationalökonomie“:

„Aus der Marx´schen Analyse mögen sich durchaus auch andere als die von den Leninisten und Stalinisten abgeleiteten ordnungspolitischen Implikationen ergeben”.

Interessant sind in diesem Sinne alle möglichen Ansätze solidarischer Ökonomie, wie sie z.B. im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegung diskutiert werden. Ein praktisches Beispiel ist die Schaffung von Wohnraum, der als Kollektiveigentum dem Markt entzogen wird, wie beim Freiburger Mietshäuser-Syndikat.

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TFG 6/12: Vom schrecklichen Tübingen, Schwabenhassern in Berlin, der grünen Hölle, dem Ende der Märchenstunde und chilenischen Winteräpfeln

„TÜBINGEN….schrecklich!!!….diese Mischung aus LINKS, ÖKO und SCHWABEN“, sagte eine Frauenstimme links neben mir.

Es war mein letzter Sommerabend 2006 in Berlin. Am nächsten Morgen sollte es nach eineinhalb Jahren zurück in meine Wahlheimat Tübingen gehen, wo ich eine Stelle in einer Filiale eines Tübinger Fahrradladens im Französischen Viertel antreten wollte. Nun saß ich an einem Tisch meiner Lieblings-Tacqueria am Kreuzberger Heinrichplatz und wartete auf die spätere Mutter meiner Tochter. Gerade noch waren wir durch den Bundestag gelaufen; hatten uns von der Mitarbeiterin einer Tübinger Abgeordneten den Reichstag und andere Bundestags-Räumlichkeiten zeigen lassen. Ich war danach die paar Kilometer nach Kreuzberg geradelt.

Eben noch im Herzen der offiziellen politischen Macht, radelte ich ein paar Minuten später an einer Parkbank vorbei, auf der biertrinkende Obdachlose saßen, für die der Bundestag genauso weit weg ist, wie für FernsehzuschauerInnen irgendwo im Rest der Republik. Selten spürte ich das krasse Nebeneinander von verschiedensten Welten so deutlich…

Meine Begleiterin wollte die Strecke vom Reichstag nach Kreuzberg mit der U-Bahn fahren und hatte etwas Verspätung. So wurde ich zufällig Ohrenzeuge des Eingangssatzes und wendete neugierig-unauffällig meinen Kopf in die Richtung der Geräuschquelle. Eine junge Frau mit glatten blonden Haaren und einem äußeren Erscheinungsbild, das mich an Tübinger BWL- oder Jura-Studentinnen erinnerte, war offensichtlich die Urheberin des Satzes.

„TÜBINGEN….schrecklich!!!….diese Mischung aus LINKS, ÖKO und SCHWABEN“.

Am nächsten Morgen wollte ich nach eineinhalb Jahren Berlin wieder in dieses Tübingen zurückziehen. „Junge Frau, genau da will ich wieder hin!“, dachte ich und lächelte zufrieden in mich hinein. Nach einer Saison-Stelle in einem Kreuzberger Fahrradladen war ich als Aufstocker gleich ins neue Hartz-IV gerutscht und hatte das Jobcenter in Neukölln kennengelernt. Etwas später bekam ich als Diplom-Pädagoge einen 1-Euro-Job in einer Kreuzberger Kita… (Diese interessanten Praxis-Erfahrungen waren für meine spätere Lehrtätigkeit im Bereich Sozialpolitik an einer Dualen Hochschule hilfreich).

Im Hinblick auf Schwaben lernte ich in Berlin „Sottiche und Sottiche“ kennen. Die einen mögen Schwaben oder behandeln Menschen die mit diesem Label behaftet sind, zumindest so, wie alle andere Menschen auch: als je eigene Personen. Die anderen hören einen süddeutschen Akzent und wenden sich gleich ab oder machen sich über Schwaben lustig.

Es ist schon eigenartig, was die Klangfärbung der Aussprache für Reaktionen auslöst und wie Menschen darüber definiert werden. Während meines Studiums in Amsterdam wurde ich von weißen NiederländerInnen in erster Linie als Deutscher gesehen. Schwarze NiederländerInnen (meist surinamesischer Herkunft) waren manchesmal auf weiße NiederländerInnen nicht so gut zu sprechen. So sahen sie in mir manchesmal zwar auch einen Deutschen, aber auch einen weißen „Nicht-Weißniederländer“,  dem man über Probleme mit weißen Niederländern berichten konnte. Deutsche Mitstudierende aus Gefilden nördlich der Mainlinie, die ich im Sprachkurs kennengelernt hatte, sahen in mir wiederum den Schwabe.

Eine Mitstudentin mit starkem schwäbischen Dialekt wohnte schon länger in Amsterdam und wollte nun dort studieren. Sie lebte mit ihrem Amsterdamer Freund auf einem Hausboot. Arbeiten durfte sie in den Niederlanden aber offiziell nicht, da ihre Eltern einst aus einem Land namens Jugoslawien nach Stuttgart gekommen waren. Die waschechte Stuttgarterin hatte keinen deutschen Pass…

Aber zurück ins Französische Viertel: Da, wo ich im Herbst 2006  meine neue Arbeitsstelle als Fahrradmechaniker antreten wollte, ahnte noch niemand, dass ein halbes Jahrzehnt später ein Spiegel-Journalist namens Markus Feldenkirchen auftauchen würde, um mit dem dort gesammelten Material einen Spiegel-Artikel zu würzen, dessen Grund-Aussage vermutlich vorher schon feststand. Da kam jemand mit Vorurteilen her und fand sie bestätigt, so auch die Journalistin und Autorin M.Mösle (im Schwäbischen Tagblatt vom 23. März 2011).

Auch KundInnen von mir fielen ihm zum Opfer, sowie ein ehemaliger Mit-Student, mit dem ich mich während meiner Studienzeit in einem Leserbrief-Duell im Schwäbischen Tagblatt über Ökonomie gestritten hatte und der inzwischen eine beachtliche politische Karriere hingelegt hat.

Der Spiegel-Journalist –  in Bergisch Gladbach geboren – und Fan des Fußballklubs Borussia Mönchengladbach hat die Vorliebe, die Körpersprache der von ihm interviewten und beobachteten Personen zu beschreiben, so z.B. auch bei Lucien Favre, dem Trainer seines Lieblingsclubs (Der Spiegel 50/2011).

Achtunddreißig Spiegel-Nummern vorher hatte Feldenkirchen also das französische Viertel in Tübingen „beschrieben“.  Auch in diesem Spiegel-Artikel wird die Körpersprache von Menschen ausführlich breitgewalzt, wobei der Sinn offensichtlich darin besteht, sich über die InterviewpartnerInnen lustig zu machen. Der Artikel hat den Anspruch, grün-alternative WählerInnen zu beschreiben und firmiert unter dem Titel „Die grüne Hölle“.

„Der Grünen-Wähler von heute sei am leichtesten über seine Lebenswelt zu beschreiben, sagt Bürgermeister Palmer oben auf seiner Dachterrasse. Man lege erstens großen Wert auf Kinderbetreuung und Schule. Sein Daumen klappt aus. Dann auf Kultur, Offenheit und Toleranz. Zeigefinger. Auf Biolebensmittel. Mittelfinger. Man fahre lieber Fahrrad als Auto. Ringfinger. Und sei trotz seines ökologischen Bewusstseins ein großer Freund von Fernreisen. Kleiner Finger“ (Der Spiegel 12/2011, S. 60).

Feldenkirchens journalistischer Stil soll hier nicht weiter erörtert werden. Die Kernaussage seines Artikels halte ich für bedenkenswert; nicht nur im Französischen Viertel, in Tübingen oder im „grün-roten“ Baden-Württemberg.

„Es geht im französischen Viertel häufig um das ich“ (ebd.), schreibt Feldenkirchen. Nun glaube ich kaum, dass es im Berliner Prenzlauer Berg – dem Wohnort des Spiegel-Journalisten – so viel anders ist, geschweige denn in seinem Privatleben.

Bedenkenswert ist auf jeden Fall der Grundtenor des Artikels. Es geht in der Kritik letztlich nicht darum, ob BewohnerInnen des Französischen Viertels spießige Ökos sind. Es geht darum, ob das „Öko“ von „alternativ denkenden“ Menschen in einem größeren (auch sozialpolitischen) Zusammenhang gesehen wird – egal wo sie wohnen -, oder ob es ihnen lediglich um das eigene Wohlbefinden geht. Über „Life-Style-Ökos“, denen es letztlich nur um ihr eigenes Wohlbefinden geht, hat Kathrin Hartmann das lesenswerte Buch „Ende der Märchenstunde“ geschrieben. Unter dem Titel betreibt sie auch ein Blog.

Vor sechs Jahren fragte ich in einem nach einer Farbe und einem Wurzelgemüse benannten Tübinger Bio-Laden, warum es dort im Winter Äpfel aus Chile gibt, die unter dem Label „Bio“ laufen und (vermutlich mittels Flugzeug) um die halbe Welt herum importiert werden. „Die Kunden wollen das“, war die Antwort.

Da mögen die einzelnen Menschen locker oder spießig sein, nett oder verbissen: Ob es solchen KundInnen mehr um sich, oder auch um die Umwelt und größere Zusammenhänge geht, müssen sie sich vor allem erst einmal selber beantworten.

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TFG 5/12: Vom König von Deutschland, dem „Eierskandal“ im Bundestag, einem deutschen Kinderfahrrad in Afghanistan, und 500 Millionen Friedenstauben

Nach einigen humorvolleren Fahrradgeschichten ist die Mai-TFG etwas nachdenklicher gehalten.

Scherbenbus und Regenbogen

Mein ehemaliger Chef in einem Berliner Fahrradladen war großer Fan der Band Ton Steine Scherben und ihres Sängers Rio Reiser, dem „König von Deutschland“. 1980 hatte mein Ex-Chef in einem besetzten Haus in der Kreuzberger Waldemarstraße einen Fahrradladen gegründet. Zwei Jahre später konnte er durch Zufall seiner Lieblingsband den alten Band-Bus abkaufen. Über die Bekanntschaft mit niederländischen „Krakern“ (Hausbesetzern) entstand eine „Holland-Connection“. Mit dem Scherben-Bus wurden nun gebrauchte Hollandräder nach Berlin importiert.

Am 13. April 2012 besuchte ich das Konzert „Jan Plewka singt Rio Reiser“ im Stuttgarter Theaterhaus. Auch ich höre gerne Rio Reiser und Scherben. Unter anderem präsentierte der Selig-Sänger Jan Plewka auch das Lied „Over the Rainbow“ das Rio Reiser gecovert hatte. Dieses Lied sang vor über 70 Jahren die damals 17-jährige Judy Garland in dem Film  „Der Zauberer von Oz“. Nach der Uraufführung des Films am 15. August 1939 wurde es einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zwei Wochen später, am 1. September brach der zweite Weltkrieg aus. Das Lied wurde etwas später für Soldaten der US-amerikanischen Truppen zum Symbol der Sehnsucht nach der Heimat[1].

(Vgl.:http://de.wikipedia.org/wiki/Over_the_Rainbow)

Seit einigen Jahren sind auch deutsche Truppen wieder im Krieg, auch wenn dies nicht immer so genannt wird. Deutsche Waffen werden seit Jahrzehnten exportiert.

Arrogante Zwischenrufe und „Krieg“ im Bundestag

Jede Menge mediale Aufmerksamkeit wurde jüngst dem Bundestagsabgeordneten Jan van Aken gewidmet. Aber nicht wegen seiner engagierten Bundestagsrede gegen deutsche Waffenexporte. Es ging in der Debatte um den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: „Rüstungsexporte kontrollieren -Frieden sichern und Menschenrechte wahren.“

Van Aken hatte sich zu Beginn der Rede znächst über den Abgeordneten Martin Lindner aufgeregt, wobei sein Temperament mit ihm durchging:

„Und wenn dann der Herr Lindner – zu dem ich erst einmal sagen muss, dass ich es unerträglich finde:  jedes Mal wenn hier eine Frau redet, dann macht der arrogante Zwischenrufe, dieser Macho, das ist sowas von wenig zu ertragen, und krault sich dabei seine Eier. Das geht überhaupt nicht.“

Die Zeitung mit den großen Buchstaben machte daraus den „Eier-Skandal“ im Bundestag, obwohl sich alle Beteiligten das Lachen kaum verkneifen konnten (die „journalistische Antithese“ zur BILD schrieb Jasmin Kalarickal in der Berliner taz).

Eine Fraktionskollegin von  Martin Lindner beschwerte sich danach laut BILD sogar, dass van Aken sich zwar bei der Sitzungsleiterin entschuldigt hätte, meinte aber, er hätte sich noch einmal bei Lindner persönlich entschuldigen sollen.

Für was? Offensichtlich hatte er wohl einen wahren Sachverhalt beschrieben. Sogar der gemeinte Abgeordnete musste selber schmunzeln.

Da sind wohl bei einigen Leuten die Maßstäbe massiv verschoben. Es ging in der Bemerkung um unerträgliches Machotum und in der Rede um Krieg und Tod, der u.a. durch deutsche Waffenexporte verursacht wird.

Ich verstehe nicht mit welcher Gleichgültigkeit viele Abgeordnete, Medien und ein Großteil der Bevölkerung dem Thema Krieg und Waffenexporte gegenüberstehen.

„Nichts ist gut“ und Zapfenstreich

„Nichts ist gut in Afghanistan“, sagte die damalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Margot Käßmann,  in ihrer Neujahrspredigt am 1. Januar 2010  in der Dresdner Frauenkirche (und steckte dafür viel verbale Prügel ein).

Alle Strategien hätten darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir bräuchten Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, „sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren“.

„Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen“, so Käßmann weiter.

Bei der deutschen Bundeswehr ist das höchste militärische Zeremoniell  der große Zapfenstreich. Ebenso wie ein ehemaliger Verteidigungsminister (TFG 2/12) wurde der zurückgetretene Bundespräsident Wulff am 8. März 2012 mit diesem Zeremoniell verabschiedet. Wulff wünschte sich dafür unter anderem auch das Lied „Over the Rainbow“. (Was die Welt zu einem Artikel über die „vielsagende Liedauswahl“ animierte).

Fünf Monate vor dem Zapfenstreich hatte der Präsident noch Afghanistan besucht. So unkriegerisch wie möglich sollte der Auftritt des Bundespräsidenten aussehen, schrieb die „Welt“ am 16.10.2011. Gute Dienste habe dabei ein kleines Fahrrad geleistet, das Wulff dem 4-jährigen Präsidentensohn Mirwais schenkte. Er werde nun ganz sicher Fahrradfahren lernen, so die  „Die Welt“.[2]

9 Millionen Fahrräder

Die meisten Fahrräder in nicht-Industrieländern oder Schwellenländern haben auch für Erwachsene – wie Wulffs Gastgeschenk – keine Gangschaltung.

Die georgisch-britische Sängerin Katie Melua war vor einigen Jahren mit ihrem Produzenten Mike Batt in China. Während einer Stadtführung erzählte die Führerin Fakten über Peking, unter anderem, dass es in dieser Stadt 9 Millionen Fahrräder gibt.

Dies inspirierte Mike Batt zu dem Welthit „Nine Million Bicycles“, einem Liebeslied aus dem Jahre 2005. Ein Großteil der besungenen Räder dürfte den Markennamen „Flying Pigeon“ (Flying Pigeon) tragen. Dieses Modell ist vermutlich mit rund 500 Millionen produzierten Einheiten das meistverkaufte Fahrrad (und Fahrzeug!) jemals auf der Welt. Solche in westlichen Augen „einfachen“ Fahrräder sind ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel im Alltag unzähliger Menschen in armen Ländern.

Die Geschichte der Fahrradmarke Flying Pigeon geht nach Angaben des europäischen Importeurs bis ins Jahr 1936 zurück. Der Name der von einem japanischen Geschäftsmann gegründeten Firma wechselte in wenigen Jahren von Anchor zu Victory und Zhongzi.

Nach der kommunistischen Machtübernahme durch Mao Zedong wurde 1949 die chinesische Fahrradindustrie „wiederbelebt“. Die Firma wurde zum ersten Fahrradproduzenten im „neuen China“. Am 5. Juli 1950 wurde das erste „Flying Pigeon“ Fahrrad produziert. Entworfen hatte es der Arbeiter Huo Baoji. Sein klassisches Modell basierte auf dem englischen Raleigh Roadster von 1932. Der Name „Fliegende Taube“ , der für diese Fahrradmarke gewählt wurde, sollte ein Ausdruck des Friedens in der Zeit des damals noch wütenden Korea-Krieges sein.

Das Symbol des Fahrrades hat nichts von seiner Aktualität verloren – sowohl in China als auch anderswo…

Allzu viele Menschen haben sich inzwischen in Deutschland schon wieder daran gewöhnt, Krieg als normales Mittel von Politik zu sehen.

„Der Krieg ist nicht tot, er schläft nur“, hatte Rio Reiser 1991 voraussehend in einem Liedtext geschrieben…

Und es lohnt sich  die engagierte Rede des ehemaligen Greenpeace-Aktivisten und Biowaffeninspekteurs der Vereinten Nationen und jetzigen Angeordneten der Linken, Jan van Aken in ganzer Länge anzuschauen und zu hören, sowohl was Machotum angeht, als auch das Thema Krieg. Der vermeintliche „Eier-Skandal“ überdeckte in den Medien die Inhalte des ernsthaften Themas.

Video: http://www.youtube.com/watch?v=8le5I6ijXBY)

Wortlaut: http://www.linksfraktion.de/reden/ruestungsexporte-verbieten-statt-abwaegen/


[1] In späteren Jahren diente der Titel als Hymne der Schwulenbewegung und als Inspirationsquelle für die Regenbogenfahne.

[2] Nebenbei: Besser lernen Kinder heute Radfahren, wenn sie mit einem Laufrad beginnen und dann auf ein richtiges Fahrrad umsteigen. Oft können sie dann sofort losfahren, da sie das Gleichgewicht zu halten gelernt haben. Wulffs Geschenk war mit Stützrädern ausgestattet.

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TFG 4/12: „Fiets te koop“ – von gestohlenen Fahrrädern, Studium Bolognese, meinem ersten Hollandrad, gewissenhaften Kontrolleuren und Plastik-Raubkatzen

Als ich 2003/2004  im Amsterdamer Jordaan als Fahrradmechaniker arbeitete, kam einmal eine Studentin mit einem neuen Fahrrad zur Werkstatt herein. Bei meiner Kollegin wollte sie ein sehr gutes Schloss kaufen. Sie sagte das „Fiets“ hätte sie bei einem Junkie gekauft und er habe gesagt: „Wenn Du kein gutes Schloss kaufst, hole ich es mir wieder.“ („Als je geen goed slot kopt, dan pak ik hem weer“).

Fiets te koop

Ich erinnerte mich an meine Anfänge in Amsterdam. Einen gewissen Reiz hatte es auf den ersten Blick, wenn man in Amsterdam ein Studium beginnt: Ein billiges Fahrrad bei einem Junkie kaufen.

Es war im Juli 1998. Das Vordiplom in der Tasche, war ich gerade in Amsterdam angekommen und belegte einen Niederländisch-Sprachkurs an der Universiteit van Amsterdam in der Spuistraat, um dann im Wintersemester sprachgewandt ein Auslandsjahr im Rahmen meines Tübinger Pädagogik-Studiums zu beginnen (es heißt wohl besser: Winter-Trimester, denn ein dreigeteiltes Studienjahr mit je 14 Wochen lässt sich offensichtlich stundenplanmäßig hervorragend auf 14 Credit-Points verteilen und passt somit besser in den Bologna-Prozess als die altmodischen Winter- und Sommersemester).

Mit jedem weiteren Tag des Sprachkurses präsentierten immer mehr meiner Mitstudierenden ihre neuesten Errungenschaften: rostige alte Hollandräder, meist nur mit Rücktrittbremse (in den Niederlanden ist nur eine Bremse Vorschrift, im Gegensatz zu den zwei voneinander unabhängig wirkenden Bremsen in der StVZO), oft in dunkler schwarzer, grauer oder brauner Farbe, meist ohne Licht. Teils mit fehlendem Schutzblech.

Manchmal war ein echtes „Oma-Fiets“ darunter, d.h. ein Damenrad mit ganz klassischem niederländischem Bogenrahmen und sehr aufrechter Sitzposition. Das war schon damals DAS Statussymbol unter Amsterdamer Studentinnen. Auch junge Männer fuhren gerne mit diesem klassischen Tiefeinsteiger.

Zwischen unserer Sprachkurs-Unterkunft in einem 15-stöckigen Hochhaus in Amsterdam-Nord und der Amsterdamer Innenstadt, wo unser Sprachkurs stattfand, liegt eine vielbefahrene Wasserstraße: het Ij (sprich in etwa: „het A-e“, bzw. fast wie dt.: „Ei“).

Meine WG-MitbewohnerInnen radelten morgens eine schöne ruhige Strecke am Nordhollandkanal entlang, dann mit der kostenlosen Fähre über het Ij hinüber zum Hauptbahnhof, rechts vorbei, unter der Brücke durch und in die Spuistraat, wo die Fakultät für Sprachwissenschaften liegt.

Ich war so ziemlich der letzte, der morgens noch mit dem Bus zum Sprachkurs fuhr. Fast alle hatten ihre Räder „gebraucht“ gekauft.

Allein, … ich brachte es nicht übers Herz, als gelernter Fahrradmechaniker… und irgendwie tangierte es doch auch mein Gerechtigkeitsgefühl und mein Gefangensein im bürgerlichen Eigentumsdenken, solch ein Rad zu kaufen. Ich kaufe doch nicht ein Rad von jemandem, der es mir vielleicht wieder stiehlt.

10 bis 20 Gulden (ein Gulden entsprach etwa 90 Pfennigen), zahlten meine Mitstudierenden für ein geklautes Rad von einem „Junk“ (Aussprache auf ndl. in etwa: „Dschüngk“), angeblich damals der Preis für eine anwendungsfertige Portion Heroin.[1]

Auf jeden Fall wussten alle, der beste Platz zum Kauf eines „gebrauchten“ Rades sei die Brücke über die Gracht am Oudezijs Achterburgwal bei der Universität am Binnengasthuisterrain (wo Ende des Jahres 2011 leider das gemütliche CREA-Café[2] der Universität dichtmachte und in einen  Uni-Bau auf Roeters-Eiland umzog).

Wenn man damals länger an der Brücke stand, sah man junge und nicht mehr ganz so junge Menschen, eigentlich nur Männer, (die kleidungsmäßig nicht so ganz zur Universität passten), auf Hollandrädern merhmals über die Brücke hin und zurückradeln. Irgendwie wirkten sie so, als würden sie nicht wirklich zum jeweiligen Fahrrad gehören. Sie hatten oft verbeulte nicht mehr ganz so saubere Trainingshosen und Baseball-Caps, schauten stur vor sich hin, wenn sie an einem vorbeiradelten und murmelten „Fiets te koop“ („Fahrrad zu verkaufen“)…

Ich kaufte mein gebrauchtes Hollandrad schließlich in der zweiten Sprachkurs-Woche in einem echten Fahrradgeschäft in der Nähe des Dam (zentraler Platz in Amsterdam).

Ich glaube, so 240 Gulden kostete es (damals vielleicht  so 110 Euro). Ein gebrauchtes Gazelle Sport Primeur mit einer Sturmey Archer 3-Gang-Schaltung und zwei (!) Trommelbremsen. Sogar das Licht funktionierte. Wenn noch das original Hinterrad drinnen war, ist das Rad laut Prägung Baujahr 1984. Bei meinen späteren Amsterdam-Besuchen war es immer wieder mit von der Partie.

Kontrolle!

Als ich 2003/2004 in der Fietsenmakerij (Aussprache in etwa „Fietsnmaköräe“) Freewheel arbeitete, versuchten die Behörden, die überhandnehmenden Fahrrad-Diebstähle in den Griff zu bekommen. Zunächst wurde verboten, Fahrräder auf offener Straße zu verkaufen und an der Brücke an der Universität patrouillierten regelmäßig Ordnungshüter. Dann wurden in Fahrradläden obligatorische Gebrauchtrad-Registrierungs-Hefte eingeführt.

Gebrauchte Fahrräder sollten an Hand der Rahmennummer lückenlos überwacht werden. Von den Altrad-Aufmöbel-Betrieben bis hin zu den EndverbraucherInnen.

Wir mussten alle Daten in die Hefte eintragen, unter der Androhung, bei dreimaligen Fehleinträgen, die Ladenlizenz zu verlieren. Ab und zu schaute ein Kontrolleur vorbei, der die Hefteinträge überprüfte. Er setzte sich in unserer netten Werkstatt an den Tisch, trank Kaffee und schaute, ob auch alle Spalten in dem Heft ausgefüllt waren.

Was mich etwas stutzig machte war, dass er kein einziges Gebrauchtrad in unserem Laden mit den Eintragungen im Heft verglich. Einmal dachte ich – frei nach Wowereit –  „das ist auch gut so“.

Mein Kollege Ruud (Name geändert) – ein liebenswerter aber manchmal etwas verpeilter Bursche –  hatte nämlich zwei Räder dubioser Herkunft mit in den Laden gebracht und in das Kontrollheft eingetragen. Die Fahrräder hatte er privat erstanden und wollte sie auch privat weiterverkaufen. Sonst vergas er die Einträge in die Kontrollhefte fast immer, aber ausgerechnet diese  zwei Räder, die mit dem Laden nichts zu tun hatten, hatte er eingetragen. Die hinteren Schutzbleche waren jeweils ziemlich verbeult und zwar genau an der Stelle, an der Hollandräder für gewöhnlich ein Rahmenschloss haben…

Der Kontrolleur, der diesen Rädern keine 2 Meter gegenüber saß, war mit den Heft-Aufschrieben sehr zufrieden (es waren ja alle Zeilen ausgefüllt!). Meneer („Herr“) Kontrolleur  trank seinen Kaffee aus und zog von dannen.

(Später einmal ermahnte er uns scharf, alle Zeilen auszufüllen, sonst würde der Laden geschlossen werden. Ruud hatte vergessen den geplanten Verkaufspreis eines Gebrauchtrades einzutragen!)

Radkatze

So war das… Auf jeden Fall: Seit einigen Jahren fahre ich mit meinem Hollandrad auch in Tübingen. Ein ideales Alltagsgefährt. Leider inzwischen etwas heruntergekommen (Ersatzteile sind in Tübinger Läden schwer zu bekommen). Immerhin hat mein altes Holland-Rad einen Jaguar auf dem vorderen Schutzblech. Das Plastik-Imitat hatte ich vor einigen Jahren von meiner damaligen Chefin Annemarie als Abschiedsgeschenk bekommen. Sie hatte einmal einem Fahrrad-Accessoires-Vertreter eine Plastiktüte mit wenigen Rest-Jaguars abgekauft und verschenkt sie seither in homöopathischen Dosen an gute Freundinnen und Freunde.

Viele denken, ich hätte die Raubkatze in guter Kreuzberg-Manier einem Auto entwendet, wenn sie mein Hollandrad sehen.


[1] In Amsterdam war die Drogenrealität nicht zu übersehen. Einmal sagte eine Mitstudentin aus dem Sprachkurs in der Pause schockiert, dass sich gerade der Obdachlose auf der Hintertreppe des noblen Kaufhauses gegenüber von unserem Klassenzimmer einen Schuss gesetzt hätte. Ein anderer Mitstudent entgegnete trocken: „Das macht der jeden Tag um die Uhrzeit“.

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TFG 3/12: Von Hollandrädern in Tübingen und bekifften Schaben in der Wohnung

Ja so was, da will einer Hollandräder in Tübingen verkaufen. Hahaha. Dabei weiß doch spätestens seit dem Sommer 2011 jede/r dass Tübingen so hügelig ist… (http://www.youtube.com/watch?v=5xBSrqpiiCk, der Text findet sich übrigens hier).

So, oder ähnlich hätten noch vor wenigen Monaten die meisten KollegInnen aus der Fahrradbranche auf mein Ansinnen reagiert. Daran hat sich im Prinzip auch wenig geändert. Nahezu alle Kollegen schlagen zunächst bei dem Thema einhellig die Hände über dem Kopf zusammen. Aber selbst der Chef eines renommierten Radladens, der bis vor kurzem beim Thema „Hollandrad“ eher zynisch gelacht hätte, meinte neulich: „Ja klar, ich sehe auch das kleine Hollandrad-Büühmchen“ (Verniedlichung von „Hollandrad-Boom). Viele Läden haben inzwischen im Gegensatz zu den Vorjahren Holland-/bzw. „Retro“-Räder im Programm. Hier gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen erwarteter Nachfrage und dem Angebot.

Ein Kollege meinte zum Thema, er  schicke potentielle Rad-Kunden im hügeligen Tübingen einfach einen Berg wie z.B. den Burgholzweg oder den Österberg mit einem Nabenschaltungsrad hoch und dann würden sie doch ein Rad mit Kettenschaltung und großem Übersetzungsbereich nehmen. Seine Aufgabe sei es, die Kunden vernünftig zu beraten. Da gebe ich ihm selbstverständlich Recht.

Was aber nun, wenn jemand gar nicht den Burgholzweg hochfahren will? Sooo viele Leute wohnen da ja nun auch wieder nicht. Was ist, wenn jemand oder -fraud ein vernünftiges Allwetterrad für den großen Wocheneinkauf in den geographisch gemäßigten Tübinger Zonen benötigt (z.B. vom französischen Viertel zum Depot und zurück), ohne viele Gänge und xr-3/4-sonstwas-Guppe, oder einfach ein gutes Fahrrad für den Kindertransport? Da sind die bestehenden Angebote nicht sonderlich originell.

Dass auch manch ehemaliger Gegner im Hinblick auf das Thema Hollandrad  nicht mehr so dogmatisch ist, habe ich im Sommer 2011 festgestellt, als ich mitten in der Stadt ein niegelnagelneues Hollandrad mit doppeltem Oberrohr („met dubbele bovenbuis“)[1] entdeckte. Artgenossen solch einer zeitgeistigen modischen Anspielung auf klassische Lastenfahrräder hatte ich bislang nur in Amsterdam gesehen. Auf dem Rad prangte aber eindeutig der Aufkleber eines Tübinger Ladens. So ein ähnliches Rad wollte ich auch schon lange haben, nur etwas schöner und als echtes Transportrad oder „Transportfiets“, wie die Niederländerin[2] sagt, mit einem vorderen Gepäckträger, der am Rahmen fest sitzt. In Amsterdam prägen solche Räder inzwischen immer mehr das Straßenbild.

So wie die harmlose Bernstein-Waldschabe (http://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein-Waldschabe) auf Grund des Klimawandels seit einigen Jahren vom Mittelmeerraum aus langsam über die Alpen nach Norden wandert (und hier im Sommer auf Grund ihrer Ähnlichkeit mit der deutschen Küchenschabe reihenweise ahnungslose Menschen in ihren Wohnungen verschreckt, wenn sie sich mal dahin verirrt, obwohl sie im Gegensatz zum Speiseschädling fliegen kann und irgendwie etwas bekifft wirkt, da sie sich recht leicht fangen lässt), wandern in der Gegenrichtung offensichtlich Hollandräder (sicher auch auf Grund eines „Retro-Booms“ und der Sehnsucht nach dem Einfachen) zunehmend über die Mainlinie nach Süddeutschland (wobei die meisten Rahmen dabei wohl häufig schon „in jüngsten Jahren“ Erfahrungen als Globetrotter haben).

Die Hollandräder verschrecken – im Gegensatz zur Bernstein-Waldschabe – dabei höchstens süddeutsche Fahrradmechaniker und Innen, oder im Falle der hohen Kosten für einen hinteren Reifenwechsel (auf Grund der ungeübten Kollegen) die Hollandrad-Reparatur-Kundschaft.

Na klar, wer ein bisschen ein Gespür für Trends hat, weiß, dass Hollandräder im Kommen sind. Die Geschichte des oben genannten Rades war einfach. Nicht dass der erwähnte Verkäufer plötzlich überzeugter Hollandrad-Fan geworden wäre. Das hätte mich  gewundert. Eher passt ein Kamel durch ein Nadelöhr… Nein, einem Kunde war wohl sein altes Hollandrad  gestohlen worden und ihm wurde auf besonderen Wunsch dieses Rad bestellt. Hm, etwas bauchgrummeln bekam ich da schon. Das sind doch „meine“ Räder! Seit ich in Amsterdam studiert habe, habe ich einfach eine Schwäche für Hollandräder… (und eine Abneigung gegen gewisse flugunfähige Insekten, die das Hochhaus in Amsterdam Nord bevölkerten, in dem ich die ersten sechs Wochen während des Sprachkurses im Sommer 1998 wohnte und die laut einem mexikanischen Revolutionslied  nicht aufrecht gehen können, da ihnen  getrocknete Blütenstände der Hanfpflanze zum Rauchen fehlen, die sie in Amsterdam sicher finden würden…).

Der Kollege schob dann noch mit einem Lächeln nach, dass an dem besagten Rad gleich das Rücklicht kaputtging, was seine praktischen Erfahrungen über die Qualität dieser Fahrradgattung bestätigte. Ich gebe ihm Recht: es gibt tatsächlich viele schlechte Räder, die den Namen „Hollandrad“ tragen.

Na ja, auf jeden Fall gilt es bei einigen Leuten auch in Tübingen seit einiger Zeit  als cool, ein Fahrrad mit nur einem Gang zu benutzen. Das ist noch weniger als bei den meisten hierzulande verkauften Hollandrädern, die es inzwischen häufig schon  auf 7 oder 8 leichtlaufende Gänge bringen. Und wem das nicht genügt, hat noch ein wahrhaft buntes Angebot an Rädern mit größerem Übersetzungsbereich.


[1] Mit doppeltem Oberrohr

[2] Ich arbeitete in Amsterdam hauptsächlich mit Kolleginnen in der Fahrradwerkstatt.

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TFG 2/12: Smoke on the Water – von der Klimaerwärmung, niederländischen Fernreisenden, der neoliberalen Internationale und Schall und (Fackel-)Rauch angesichts einer gescheiterten Doktorarbeit

Rast am Furkapass
Radreisen
Gerade komme ich vom Neujahrsempfang der Stadt Tübingen im Rathaus zurück. Der Ehrengast, Münchens Oberbürgermeister und amtierender Präsident des Städtetags, Christian Ude, plädierte u.a. für weniger Marktradikalismus (der seit 20 Jahren die Politik beherrscht) und „mehr Stadt“. Er sprach auch über die Verantwortung der Kommunen für den Klimaschutz. Das sei ein wichtiges Thema, auch wenn es bei dem aktuellen Wetter schwer falle über Klimaerwärmung zu reden.  Angesichts der derzeitigen eisigen Temperaturen ist es schön, ab und zu an einen gelungenen Sommerurlaub zu denken.
Im Sommer 2010 radelte ich von Tübingen nach Montreux an den Genfer See. In einer Fahrradzeitschrift hatte ich über die Rhone-Radroute (nationale Radroute Nr.1 bei Veloland-Schweiz) gelesen. Diese kombinierte ich mit einem Teil der Rhein-Route (nationale Radroute Nr.2.) und der Anfahrt von Tübingen an den Bodensee. Die 11-tägige Tour war wunderschön. Auf den ersten Kilometern an der Talheimer Steige begegnete mir ein niederländisches Pärchen auf Fahrrädern. Sie hielten mich für einen Niederländer und riefen mir von weitem zu: „Ook naar Rome?“ („Auch auf dem Weg nach Rom?“). Sie waren selber auf der Reitsma´s Route unterwegs, einer 2100 Kilometer langen von Hans Reitsma erdachten Fahrradroute von Amsterdam nach Rom. (Bei meiner Arbeit in einem Tübinger Fahrradladen waren mir im selben Sommer schon einige NiederländerInnen und ein Belgier begegnet, die von dieser Fernradtour erzählten. Sie führt u.a. durch Tübingen, weiter über die Schwäbische Alb, über Sigmaringen und das Deggenhausertal an den Bodensee. Ein ehemaliger Nachbar meines damaligen Chefs aus Tübingen erzählte mir, dass die Wirtin einer Pension im Deggenhausertal ihn und seine Frau zunächst für ein niederländisches Ehepaar hielt, als sie auf einer Radtour nach einem Zimmer fragten. Inzwischen fallen mir im Sommer immer mehr niederländischen Durchreise-RadtouristInnen in Tübingen auf. Sie haben in der Regel Koga-, Gazelle-, Batavus-, Sparta- oder Giant-Räder. Wenn ich im Goldersbachtal im Schönbuch an einer Grillhütte sitze, wundere ich mich inzwischen nicht mehr, wenn ich plötzlich niederländische Stimmen höre und dann zwei ReiseradlerInnen auf vollbepackten Rädern an mir vorbeihuschen).
Klimawandel
Die erste Etappe an den Bodensee war als Test gedacht, wie es sich mit meinem neuen Rennrad mit Einspuranhänger fährt. Schlechtes Wetter am Bodensee und die Unzufriedenheit mit dem Fahrverhalten meines Gespanns ließen mich ein kleine Tour-Unterbrechung einlegen.
Von Friedrichshafen fuhr ich noch einmal mit dem Zug zurück und tauschte das Gespann gegen mein Reiserad aus, ein Fahrrad-Manufaktur C-Modell, Baujahr 1992 mit gutem Cro-Mo-Stahl-Rahmen und seit 2003 auf eine Rohloff-Schaltung umgerüstet. Bei dem vielen Gepäck fuhr sich das wesentlich angenehmer.
Dann ging es mit der Fähre von Friedrichshafen nach Romanshorn. Über das Rheintal, die Rheinschlucht
Rheinschlucht
und den Oberalppass fuhr ich nach Andermatt. Dann ging es weiter über den Furkapass
Furkapass, Blick zurück Richtung Andermatt
ins Rhonetal. Beeindruckend war der Rhonegletscher auf halbem Weg der Abfahrt vom Furkapass, den man in der Nähe des Hotels Belvédère sogar hautnah besichtigen kann.
Hotel Belvédère am Rhonegletscher
Grotte im Rhone-Gletscher
Experten gehen davon aus, dass er angesichts des Klimawandels in spätestens 100 Jahren verschwunden sein wird.
Die Landschaft wurde immer mediterraner. In Montreux schließlich übernachtete ich in der Jugendherberge direkt am Genfer See, an die ich noch von einer Interrail-Tour im Sommer ´88 schöne Erinnerungen hatte.
Blick auf die Jugendherberge Montreux-Territet
Die „neoliberale Internationale“
Mit einer enorm steilen Zahnradbahn machte ich einen Abstecher auf den nahegelegenen Mont Pèlerin, jenen Berg auf dem vom 1. bis 10. April 1947 im Hotel du Parc  das Gründungstreffen der „neoliberalen Internationale“, der  Mont-Pèlerin-Society stattfand. Ich wollte wissen, welchen Blick Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Milton Friedman, Karl Popper und Konsorten damals genossen haben, als sie darüber berieten, wie sie ihre Ideen von grenzenlosem Wirtschaftsliberalismus und möglichst wenig Staat systematisch in die Wirtschaftswissenschaft und -politik, sowie den Alltagsverstand einfließen lassen können (jene Ideologie also, die Ude in seiner Rede kritisiert hatte).
Hayek umriss in seiner Eröffnungsansprache „ein breites, auf lange Frist angelegtes Programm, das die Problematik in der sich der (vor allem wirtschaftliche T.K.) Liberalismus befindet, grundsätzlich angehen sollte“ (Bernhard Walpen 2004: Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Hamburg, S. 111). Hayek veranschlagte 1949 in seinem Artikel „The Intellectuals and Socialism“ zur Durchsetzung des wirtschaftsliberalen Ansatzes einen Zeitraum von zwei bis drei Generationen bis das öffentliche Meinungsklima „the characteristic climate of opinion, the dominant Weltanschauung“ sich im Sinne der Marktradikalen gewandelt haben werde (ebd: 113).
Blick vom Mont Pèlerin auf den Genfer See
Auf dem Rückweg kam ich am Casino von Montreux vorbei, bevor es am nächsten Tag mit dem Zug zurück nach Tübingen ging.
Smoke on the Water
Was viele nicht wissen: im Casino von Montreux spielte am 4. Dezember 1971 Frank Zappa mit der Band „The Mothers of Invention“. Angeblich setzte ein überschwänglicher Fan mit einer Signalpistole die Decke des Casinos in Brand, worauf das ganze Gebäude niederbrannte. Die Mitglieder der Band Deep Purple machten zur selben Zeit Aufnahmen in einem nahegelegenen mobilen Tonstudio und beobachteten von ihrem Hotelzimmer aus den Brand. Das inspirierte sie angesichts des Rauchs über dem Genfer See und des Feuerscheins am Himmel zu dem Rock-Klassiker „Smoke on the Water„. Wie es der Zufall will: Einen Tag nach dem Brand wurde einige hundert Kilometer nordöstlich von Montreux – in München – ein kleiner Junge geboren, der auf den Namen Karl-Theodor getauft wurde. Später in seinem Leben sollte er eine Vorliebe für Hardrock entwickeln und es beruflich zwar nicht zum wissenschaftlichen Assistenten einer Bundeskanzlerin, aber doch einmal bis zum Bundesverteidigungsminister schaffen. Er stolperte schließlich über eine mit der Bestnote bewertete, aber  in weiten Teilen abgeschriebene „Doktorarbeit“ (auf der hier verlinkten Seite können die jeweiligen Plagiate über einen „Schieberegler“ mit dem Origaltext verglichen werden). In dieser Arbeit mit dem Titel Verfassung und Verfassungsvertrag (Guttenberg 2006) schreibt er nahezu wörtlich aus einem Zeitungs-Artikel des wirtschaftsliberalen Roland Vaubel ab („Europa droht eine Regulierungsspirale“, FAZ 10.7.2003; Vaubels Doktorvater Herbert Giersch -„Nestor der deutschen Nationalökonomie“ war übrigens von 1986-88 auch Präsident der Mont Pèlerin Society).
Vaubel plädiert in seiner Kopiervorlage unter dem Vorwand der Dezentralisierung – ganz marktradikal und anders als der Städtetagspräsident beim Tübinger Neujahrsempfang- für weniger Staat.  Er wendet sich dabei zunächst vor allem gegen die Ausweitung der demokratischen Macht des Europaparlaments und setzt sich weniger für die Einschränkung der viel größeren Macht der europäischen Kommission ein, die ja quasi die Regierung darstellt und die Gesetzgebung der EU maßgeblich bestimmt. Über die Wirtschaftslobbyisten in Brüssel schreibt er gar nichts. So dient der in der Doktorarbeit kopierte Satz eher einem klassischen „Staats-Bashing“ und zielt darauf, Formen kollektiver Mitbestimmung und Interessenvertretung zu diffamieren.
Im Worlaut:
„Die Verfassung ist ein klassisches Mittel, die Macht des Staates zu begrenzen. Sie kann aber auch dazu missbraucht werden, die Machtfülle, die staatliche Institutionen angesammelt haben ex post zu legitimieren und weiter auszubauen“ (Vaubel 2003, plagiiert und leicht verändert durch Guttenberg 2006, S. 169. Mit „Staat“ und „Ausbau der Machtfülle“ meint Vaubel das Europaparlament, nicht die viel weniger demokratisch legitimierte Kommission).
Inzwischen ist Guttenberg auf Initiative der sehr umstrittenen EU-Kommissarin für die digitale Agenda, Neelie Kroes „Berater der EU-Kommission“.
Wie dem auch sei:  auf jeden Fall spielte  die Kapelle der Bundeswehr 2011 beim großen Zapfenstreich zur Verabschiedung des Ministers in Berlin eine interessante Cover-Version von Smoke on the Water
Etwas schräger Blick von Montreux auf das Chateaux de Chillon am Genfer See
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